Wer ist der Saxofon-Google?

Im Bild oben: Saxofon-Superstar Rudresh Mahanthappa spielte keine klassische Musik, obwohl dies seit langen Jahren auch in der Jazz-Ausbildung üblich ist!

 

Wer ist der “Saxofon-Google”? Gibt es ihn?

Ich meine: welche(r) Saxofonspieler(in) dominiert? Gibt also vor, was richtig und wichtig ist?

Google dominiert und kontrolliert bereits das Web: Eine jüngste Untersuchung ergab, dass jetzt bereits in 50 % aller Google-Suchen Links vorgeschlagen werden, die bereits zu Google gehören, oder die Googlesuche führt zu keinem weiteren Klick auf die von Google vorgeschlagenen externen Such-Links, weil sie die gesuchte Information bereits bei den Google-Kurzangaben gefunden haben. Google bestimmt also immer mehr die Informationen, die wir zu sehen bekommen.

Die großen Akteure im Web streben zum Monopol, auf jedem Fall zur Macht. Das ist wohl dem Menschen angeboren…

In allen Bereichen suchen wir Eliten, Leader, an denen wir uns orientieren. Schlimm nur, wenn diese Leader alleine für sich die Wahrheit in Anspruch nehmen.

Gibt es einen “Saxofon-Google” – einen oder eine der/die das Thema Saxofon dominiert? Der die Meinung/die Themen vorgeben und wir folgen?

Ich sehe keine(n)! Natürlich gibt es die Leader, die aufgrund ihres Könnens und ihrer Leistung an der Spitze stehen, wohlverdient!

Aber das Spannende dabei ist, dass es viele Wege an die Spitze gibt, viele Varianten, viele Unterschiede:

Zum Beispiel hat Rudresh Mahanthappa – ich zähle ihn zu den absolut besten Altsaxofonisten der Welt – mir erzählt, dass er nie klassische Etüden gespielt hat – das braucht es seiner Meinung nicht für den Jazz, den er spielt.

In nahezu allen Studienprogrammen im Bereich Popularmusik/Jazz müssen jedoch Saxofonisten Klassikunterricht absolvieren. Ich finde das übrigens auch sehr sinnvoll, weil man Technik, Disziplin und viele melodische Abläufe übt, die einem in allen Stilen helfen.

Dann gibt es immer wieder das Thema “Musik transkribieren”: Mit dieser Methode lernt man wohl am intensivsten im Jazz: Man hört sich also gute Improvisationen an und notiert diese Ton für Ton. Das kann bei technisch komplexer und virtuoser Musik sehr aufwendig werden.

Und hier auch Gegensätze: Branford Marsalis sagte mir, er habe nie Solos transkribiert sondern immer “nur” sehr genau intensiv gehört. Seamus Blake hingegen hat über viele Jahre hinweg ständig Solos notiert und selbstverständlich nachgespielt. David Sanchez, ein begnadeter Tenorsaxofonist aus America mit Ursprung in Puerto Rico, erzählte mir, dass er Solos nicht notiert sondern sofort singend auswendig lernt, er kann dir also Solos vorsingen …

Tja, es gibt also sehr viele Wege! Ich sehe keine absolut dominierende Meinung die sich einzig und alleine durchgesetzt hat.

ABER, natürlich gibt es für das Lernen und Spielen eines jeden Musikinstrumentes allgemein gültige Regeln, die sich bewährt haben. Wir kennen sie mehr oder weniger im Detail und wenden sie auch an. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu stellen, will ich nur ein paar aufzählen, damit du verstehst was ich meine:

  • Übe mit einem Übungsplan
  • Habe ein konkretes Ziel
  • Übe regelmäßig, möglichst täglich
  • Mache immer Musik, auch bei Tonleitern und Skalen
  • Spiele Musik, die dir Spaß macht
  • Spiele immer mit kontrollierten Fingern
  • etc.

Das Schöne bei uns Musikern ist, dass wir sehr persönlich spielen können. Jeder kann sich seine Musik, sein System, seine Ziele suchen und kann mit diesen oben genannten Universalregeln (diese wird dir jeder seriöse Musiker bestätigen) seine Ziel (Musikstücke, Konzerte …) erreichen.

… und wenn ein Musiker einen anderen schlecht redet, so kann man immer davon Abstand nehmen, das Weite suchen – wer will, der kann auch dagegen andiskutieren …

denn jeder offene intelligente Mensch und Musiker weiß, dass man immer etwas lernen kann, selbst von Musikern, die vermeintlich “schlecht(er)” sind!

Bleiben wir also bescheiden und offen für jeden! Wir sind alle auf dem gleichen Weg 😉

 

The Windup (Keith Jarrett 1974)

Hör dir DAS an : The Windup von Keith Jarrett aus dem Album Belonging (1974).

Keith spielte das Album (inklusive Windup) mit seinem “Europäischen Quartett” ein: mit Jan Garbarek (sax), Palle Danielsson (bass), Jon Christensen (drums).

Interessant ist die Komposition in mehrfacher Hinsicht, denn es verbindet ungewöhnliche und zum Teil extreme Elemente zu einem harmonischen Ganzen:

  • Es beginnt mit einem bluesigen Piano-Riff, einem antreibenden Klavier-Rhythmusmotiv, dass sich wie ein Ohrwurm einbrennt und in seiner Unverwechselbarkeit durchaus mit den Herbie-Hancock-Riffs von Cantaloupe Island oder Watermelon Man mithalten kann.
  • Im Laufe der Komposition wechselen 3/4-Takte, 5/4-Takte und 4/4 Takte mehrmals ab. Diese Wechsel verlaufen parallel zu den einzelnen Teilmelodien im ersten Teil: die 1. Melodie “bluesig”, die 2. Melodie “sperrig”, die 3. Melodie auslaufend und entspannend
  • Im 2. Teil wieder ein Ohrwurm mit Taktwechsel: 4/4-Takt, 3/4-Takt, 5/4-Takt – alles elegant und logisch wirkend
  • Im 3. Teil ein starker Abschluss: die hohen kurzen bluesigen perkussiven Noten – wie ein Shout-Chorus einer Bigband
  • Die Improvisation ohne Akkordfolgen, komplett frei und von der Länge her offen.

unglaublich!

Will man das Stück auswendig lernen, so muss man an ein paar Stellen aufmerksam mitzählen. Bis hier der “Autopilot” einsetzt, dauert es schon einige Zeit 😉

Schön ist der Vergleich zwischen Keith Jarretts Originalquartett mit Jan Garbarek am Sopransaxofon und der neuen Version von Branford Marsalis.

Im Vergleich:

Tempo: beide nahezu gleich im Tempo

Instrumente: Branford wählt interessanter weise das Tenorsax – was mir persönlich besser gefällt als der Sopransound von Garbarek.

Bandsound:

Keith Jarrett: das Klavier klingt viel direkter und steht fast im Vordergrund; der Bandsound wirkt deutlicher; Keith spielt viel mehr mit Jan Garbareks Melodien mit. Das Saxofon klingt weiter entfernt.

Branford Marsalis: Die Aufnahme wirkt runder. Das Klavier weicher und weiter entfernt. Branford kann durch das Tenor alle Tonfarben bieten: die runden am Beginn und die scharfen beim Shout-Choruss am Ende. Generell wird das neue Quartett von Branford von der Energie des jungen und überragenden Schlagzeugers Justin Faulkner dominiert. Der hier unglaubliche Kicks, Dynamik, Bass-Sounds und der Komposition sein eigenes “Arrangement” aufdruckt.

Ich habe hier zwei zugängliche Videos aufgelistet. Am besten hörst du dir die Aufnahmen auf Spotify, i-tunes oder CD an. Damit hast du die beste Tonqualität.

Dabei ist auch sehr schön zu sehen: wie ähnlich die Musiker selbst auf Live-Konzerten und Studio-Aufnahmen spielen (Songdramaturgie, Tempo, Ideen…)

Gratulation an Miguel Zenon – bester Altsaxofonist 2019

Gratulation an Miguel!

Die Fachleute des amerikanischen Magazins Downbeat haben Miguel wieder einmal zum

besten Altsaxofonisten 2019 gewählt!

WOW!

Bei seiner Virtuosität und Kreativität keine Überraschung: Mal komponiert er und spielt er mit einem Streichquartett, dann wieder mit einer Brass-Section, mit eigenem Quartett, Bigband oder mit dem SF Jazz Collectiv ….

Miguel leitet nächste Woche wieder einen Workshop im italienischen Siena!

Im Herbst geht er mit seinem Quartett wieder auf Tournee – auch ein paar Deutschlandtermine sind geplant!

Mehr von Miguel kommt in einem gesonderten Podcast-Interview von mir. Ich traf Miguel im letzten November in München, als er mit dem SJ Jazz Collectiv zu Gast war!

Seine Termine – klicke hier!

Gratulation an Joe Lovano als bester Tenorsaxofonist des Jahres 2019

Saxofon-Großmeister Joe Lovano wurde wieder einmal vom wichtigsten Jazzmagazin der Welt – DOWNBEAT –

zum besten Tenorsaxofonisten im Jahr 2019 gewählt. WOW! Genau genommen haben die wichtigsten Jazzkritiker für das Magazin in der sogenannten critics-poll diese Wahl vorgenommen!

 

Herzliche Gratulation, lieber Joe!

Ich traf Joe vor ein paar Wochen in München und wir hatten wirklich eine lustige Zeit. Joe erzählte mir viele Anekdoten und Geschichten, angefangen von seinen ersten Lernjahren bei seinem Vater bis hin zur Woody-Hermanns-Zeit – er hat mit den Allerbesten gespielt und zählt mittlerweile seit Jahrzehnten ununterbrochen zu den weltweit kreativsten und besten Saxofonisten – 2019 hat er wieder zugeschlagen 😉

Das gesamte Interview gibts später noch in diesem Jahr in meinem Podcast “Klappe auf” zu hören!

 

Hier zur Übersicht aller Gewinner!