Die Leader am Sopran – Exoten und Trendsetter

Für meinen Songkurs arrangiere ich aktuell einige wirklich schöne Lieder, darunter Petite Fleur.

Während findige Internet-Shopper sich darunter wohl zunächst trendige Schalen-BHs, Slips und Jazzpants vorstellen (Petit Fleur ist mittlerweile eine führende Unterwäsche-Marke) bedeutet der Song vor allem den Sopransax-Liebhabern hoffentlich enorm viel.

Wenn ich also ein Arrangement für Petite Fleur schreibe, dann gehe ich (in der Manier von Maestro Hanoncourt) zunächst auf das Sax-Original zurück, auf Meister Sidney Bechet (Kompositeur und Interpret auf dem Sopran) – und ich war schockiert!

Die Melodielinien fantastisch, das Vibrato aber aus heutiger Sicht schon sehr “ausschweifend”, einer Schülerin habe ich das heute vorgespielt. Wir übten gerade Vibrato und ich wollte ihr Bechets Vibrato vorspielen. Ich musste ausdrücklich dazusagen: ja das ist tatsächlich Vibrato  aus dem Jahre 1959, damals ein Welthit 10 Millionen mal verkauft.

Also Bechets Komposition = natürlich genial

Seine Melodien – (minus) Vibrato = zeitlos genial!

Im Schatten Bechets suche ich also meine Melodien, die noch an seine Lines erinnern, und doch einfach spielbar sind – ein Spagat!

Natürlich muss man hier dazu erwähnen, dass Bechet als der 1. Sopransaxofonist von internationalem Ruhm war: er verhalf diesem Instrument in der westlichen Welt zu großer Popularität. Selbstverständlich war er ein überragender Techniker, er beherrschte das Sopran und auch die Klarinette in überragender Weise.

In seinem Fahrwasser “spülte” schon  der herausragende John Coltrane bereits ein Jahr später 1960 mit My Favorite Things aus dem Salzburg-Musical “Sound of Music” das Sopransaxofon an die Spitze aller Saxofongrößen.

Natürlich darf man hier auf keinen Fall den großartigen Steve Lacy vergessen, der tragischerweise neben dem Sopran durch seinen viel zu frühen Krebstod mit Bechet verbunden ist. Lacy war ein kreativer Meister – kommend aus dem Dixieland – bis hin zu Monk und zum Impro-Kollektiv – eine extreme Entwicklung innerhalb von 45 Jahren!

Und dann … natürlich mein “Sopran-Liebling” – Meister Branford. Durch seine Melodien bei Sting bin ich persönlich zum Sopran gekommen. Branford Marsalis ist ein echter “Ohr-Spieler”. Er übt keine Patterns oder Licks, die er durch den 12-Tonarten-Fleischwolf dreht – hat er mir selber gesagt. Er ist einfach zu faul dazu, tritt lieber auf, oder übt Altsaxofon. Das hört man auch in seinem Spiel. Wenn man sich vorstellt, dass er zu Stings Musik einfach ins Studio ging – ohne Vorahnung – die Musik hörte und einfach aus dem Bauch mitspielte – dann müsste man einen Hutladen stürmen, um vor ihm alle Kappen, Hauben und Mützen zu ziehen. Nochmals: Sting war damals schon ein Weltstar als er “Englishman in New York” aufnahm. Branford riskierte also enorm, aber wer ihn kennt, der weiß, dass nur er mit seiner “Charakterstärke” solche Sopranwunder mit 26 Jahren(!!!) zustande bringen konnten!

Natürlich spielen heute auf dem Sopran unzählig viele Saxofonisten wirklich außergewöhnlich saugut – du kennst sie sicher: Jane Ira Bloom (aus New York), Emile Parisien (Europa-Top und sehr vielseitig), ja und dann natüüüürrrlich: Kenny G – der Softjazz-Großmeister, dessen White Christmas ich schon mmal in der Ankunftshalle des Shanghai-Airport Anfang März über alle Lautsprecher hören durfte.

Habe ich jemanden vergessen: 100e, 1000e, aber sicher nicht Wayne und Jan, Dave, Dexter, Archie, John, Anthony, Pharoah, Joe (leider nicht “Mayer” sondern Farrell), Grover, Bill, Ronnie, und Charles, und Chris und Joshua und Seamus, oder Asya Fateyeva, die Klassik-Sopran-Queen aus Berlin.

Alle schauen zurück auf Bechet und seiner kleinen Blume, und keiner hat sich je wieder an die Blume gewagt, bis auf Hugo Strasser und Victor Goines (durfte das wohl nur unter der Aufsicht von Großkonservator Wynton Marsalis), welche aber beide wieder vorsichtshalber auf die Klarinette auswichen.

Bleibt also wieder nur Bechet, Bechet, Bechet. Mercy beaucoup Monsieur Sidney!

 

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