Meine Steinmauer und meine Saxofonmelodien!

Ich baue mir in unserer Hauseinfahrt gerade eine Trockenmauer. Seit einer Woche schlichte ich jeden 2. Tag Stein auf Stein. Stundenlang!

Klingt jetzt nicht so schwierig. Ist es im Grunde auch nicht. Die Aufgabe besteht darin, jede der einzelnen Steinreihen möglichst waagrecht in allen Richtungen zu legen. 3 Mauern werde ich bauen. Meine erste wird 4,50 m lang und 1 m hoch. Das sind ungefähr 10 bis 12 Steinreihen. Jede einzelne Reihe MUSS waagrecht sein.

Die Steine sind aber alles andere als gleichmäßig, schon gar nicht rechteckig. Luserna Gneis – eine wunderschöne Steinsorte aus Oberitalien – leuchtet orange, rot, braun. Für das Setzen eines einzigen Steines – im Schnitt zwischen 15 – 30 cm lang und 6 – 12 cm hoch – brauche ich ungefähr 20 Minuten.

Das Setzen ist aber meist gar nicht das Problem, denn ich muss zuvor den passenden Stein erst mal finden. Dazu habe ich 5 riesige Holzcontainer voller Steiner – wie ein riesiges Puzzle!

Diese ruhige gleichmäßige Arbeit macht aber wirklich Spaß. Man baut, Stein für Stein, man sieht sein Tageswerk.

Ganz nah am Stein schaut die Mauer fürchterlich aus, wenn man wie ich vor allem immer saubere glatte oder gemauerte Mauern kennt.

Vorgestern habe ich einen wirklich grässlichen Stein eingebaut. Er hat an der Unterkante eine so starke “Nase”, die selbst in der groben Flucht der Mauer noch deutlich herausragt.

Gehe ich 5 Meter zurück und sehe mir die Mauer im Gesamten an, so ergibt sich tatsächlich ein stimmiges und sehr schönes einheitliches Bild.

Diese Steine und auch die Mauer erscheinen mir  wie Melodien, dachte ich mir bald, als ich so in meiner meditativen Steinsuche zwischen den Steinkörben verlor, als ich wieder mal einen passenden Eckstein suchte.

Tatsächlich war ich von dem Gedanken fasziniert. Die Mauer hat sehr viel mit meiner Musik, mit meinen Melodien, gemeinsam.:

Wenn ich auf dem Saxofon Melodien spiele, dann zählt “am Ende des Tages” nur die Gesamtheit, die Einheit, der EINE Eindruck der Melodie. Natürlich besteht jede Melodie aus einzelnen (vielen oder wenigen) Tönen. Aber was uns anspricht, sind nicht die einzelnen Töne sondern die Melodie. Nur das zählt – die Melodie als EIN gesamtes Bild.

Will ich aber jetzt selber eine Melodie überzeugend spielen, die mir gefällt, oder die ich vertreten kann, die ich aufnehme und stolz online stelle, dann muss ich mich um jeden einzelnen Ton kümmern. Damit kommen wir wieder bei unseren einzelnen Mauersteinen an – den Tönen.

Welcher Ton passt wann und wo. Oder: wie forme, artikuliere und spiele ich den 3. Ton (das h”) usw. … und da sind auch manchmal einzelne schreckliche Töne dabei, aber in die Melodie passen sie doch.

Meine Melodien sind wie meine Steinmauer! Töne wie der grässliche Nasenstein, die herausragen und vielleicht zuerst stören, verschwinden im Melodieverlauf, sie gehören einfach dazu und machen die Melodie interessanter. Manchmal sind sie geplant manchmal passieren sie mir ungewollt. Das ist echt.

Trotzdem poliere ich ständig meine Steine – meine Töne – Tonübungen, Intonation, Artikulation, Bindungen – immer wieder, immer wieder – und ich genieße das auch, weil vieles gut klingt. Denn ich möchte sie ja möglichst gut beherrschen. Eckig, schroff, grässlich, unförmig werden sie von alleine, indem ich letztendlich beim Spielen nicht auf einzelne Töne sondern auf meine Melodien höre – und die sind menschlich mit allen Nuancen, Feinheiten, Fehlern und versuchter Schönheit – wie meine Trockenmauer aus Luserna Gneis.

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