Wo ist die Grenze zum Ausflippen?

Foto: Scott Paddock (aus den USA) – ein genialer Saxofonist –  spielt Saxofon auf der aktuellen Eros-Ramazzotti-Welt-Tour in großen Stadien. Scott spielt aber genauso in kleinen Clubs vor 20 oder 50 Zuschauern.

 

 

 

Ein Konzert vor 20 Leuten ist einfach.  Mit dem Saxofon auf einer Familienfeier aufzutreten ist eine schöne Geste. Aber vor 200 zu spielen, bringt dir schlaflose Nächte?

Wo ist die Grenze?

Sind 20 Zuhörer anders als 50 oder 150?

Wenn ich über diese Grenze nachdenke, dann finde ich keinen Unterschied in der Zahl.

Der Unterschied liegt für mich viel mehr im Konzertprogramm:

Ich kann mich noch gut an Klassenkonzerte im Studium erinnern: Vor vielleicht 20 Zuhörer spielte ich und meine Studienkolleg(inn)en das aktuell geübte Programm: Eigentlich immer weit über unserem Können, das war nicht souverän. Wenn man da auf die Bühne ging, konnte man sich überhaupt nicht sicher sein, wie das Konzert verlaufen würde: Fliegt man komplett raus, sind nur ein paar unmerkliche “Patzer” dabei. Je nach psychischer Stärke sind diese Konzerte manchmal wirkliche Höllenfahrten: Die Studienkollegen (und wenn es nur 5 sind) sitzen unten und schauen dir genau auf die Finger. Sie kennen die Musik supergenau. Ich möchte wirklich nicht behaupten, dass man sich über den Fehler des anderen freut, aber es herrscht ordentliche Konkurrenz in der Klasse. Einfach Wettbewerb – mit Druck! Man kann es freundlicherweise vielleicht so beschreiben: Bei missglückten Konzerten bekommt man ganz selten Mitleid. Man ist quasi im Profigeschäft und die Anforderung ist hier eben, möglichst perfekt zu spielen.

Bei einem Klassenkonzert – ich kann mich noch sehr gut erinnern – funktionierte ein Teil der Mechanik auf dem Instrument nicht. Wenige Minuten vor meinem Auftritt überprüfte ich die Mechanik und ein, zwei Töne sprachen nicht an. Mein Professor ignorierte das trotz meiner fieberhaften Erklärungsversuche (vielleicht dachte er, ich wolle mich vor dem Auftritt drücken…) Das Konzert war ein kleines Desaster. In den schnellen Passagen (und es waren viele) hörte man unzählig viele Tonlöcher, manche Melodien waren nicht erkennbar, weil markante Töne nicht losgingen …

… war ja nur ein Konzert von vielen. Hat nicht weh getan (zumindest nicht körperlich) und hat auch nicht extra gekostet! – möchte ich fast jetzt leichtfertig sagen. Aber in diesen “intensiven Momenten” und Stunden und Tage danach waren meine Zweifel am “Konzertbusiness” schon beträchtlich.

… es gibt sie also, die unschönen, stressigen Momente, Krisen, Unfälle bei Konzerten.

Mein Prof. erzählte mir einmal, dass er einmal bei einem Duokonzert von einem Pianisten begleitet wurde, der sich bei den ersten Takten den Fingernagel bei einer Klaviertaste aufriss. Sie spielten ohne Unterbrechung weiter. Am Ende waren viele Klaviertasten blutverschmiert.

Man könnte ganze Bücher mit Konzertanekdoten schreiben.

Die Zuschauerzahl spielt selten eine Rolle. Ich spiele in kleinen Klubs vor 30 oder 50 Zuhörern genauso, wie in großen Hallen oder auf riesigen Plätzen. Die Zuschauergröße ist dabei egal.

Viel wichtiger ist das Konzertprogramm.

Wenn nur irgendwie möglich, achte darauf, dass du dein Konzertprogramm zu 200 % beherrscht – du musst also echt darüberstehen – quasi im Schlaf spielen können. “200 % sind wichtig, weil 100 % zieht es dir durch die Spannung und Nervosität automatisch herunter”, sagte mir mein Prof.

Und er hat natürlich recht.

Also Fazit: Wenn du wählen kannst, spiele immer die Stücke, mit denen du dich wohl fühlst und die du supersicher beherrscht. Dann kannst du mit Genuss, Freude und Überzeugung spielen. Du freust dich auf deinen Auftritt, weil du sicher bist, dass du das Publikum überzeugen wirst und dass ihr GEMEINSAM Spaß haben werdet.

Dem Zuhörer ist es ABSOLUT EGAL, ob deine gespielte Musik (für dich) einfach oder schwierig ist, sie muss aber immer musikalisch überzeugend und mit Freude gespielt sein – das will man von uns hören.

Und dann spielt die Zuschauerzahl von 2 oder 20 oder 200 oder vielleicht 2000 überhaupt keine Rolle 😉

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